Erfahrungsbericht STEYR evo 10 E

Hinter dem etwas gewöhnungsbedürftigen Namen „evo 10 E“ (bzw. „evo 10“ wenn man von dem Modell spricht, welches mit mechanischem Abzug ausgestattet ist), verbirgt sich die neueste Luftpistolengeneration von STEYR. Sie löst somit die STEYR LP 10 als weiterentwickeltes Topmodell des österreichischen Herstellers ab.

Kurz zu mir: Ich bin Tobias Siemssen, Jahrgang 1988, betreibe Sportschießen seit meinem 10. Lebensjahr und schieße seit 2013 in der 2. Bundesliga Nord für den SV Groß- und Kleinkaliber e.V. aus Hannover in der Disziplin Luftpistole. Die ersten Erfahrungen mit der Luftpistole habe ich mit einer 40 Jahre alten Knicklaufpistole gemacht. Kurz darauf erhielt die Feinwerkbau 103 Einzug in meinen Trainingsalltag. Als die Ergebnisse jedoch besser wurden, schaffte mein damaliger Verein eine Feinwerkbau P40 an. Zwischendurch schoss ich während eines Auslandsaufenthaltes mit einer Hämmerli AP40 und schaffte mir 2012 die STEYR LP 10 an. Die Entscheidung, vor einigen Jahren zu einer STEYR zu greifen, fiel weniger rational aus: Ich hatte auf den Deutschen Meisterschaften diverse Luftpistolen nahezu aller Hersteller Probe geschossen. Großartige Unterschiede merkt man bei kurzem Probeschießen von 10-20 Schuss jedoch nicht unbedingt. So schaute ich, mit welcher Waffe die „besseren“ Schützen schießen. Auch habe ich mir die Waffen von Olympiateilnehmern angeschaut. Gefühlt schoss damals jeder mit einer LP 10 von STEYR. Wer etwas auf sich hielt, hatte zudem die Modifikation von Männel (Männel Tuning Kit) an seiner LP 10 verbaut. So fiel dann die Entscheidung: Eine LP 10 muss her. Doch gleich im Anschluss an diese Entscheidung musste die nächste gefällt werden: Herkömmlicher mechanischer Abzug oder ein elektronischer? Ich entschied mich für den mechanischen Abzug, da ich vorher nie wirklich mit einem elektronischen Abzug geschossen habe und war außerdem der Meinung, dass Elektronik in einer Waffe nichts zu suchen hat. Doch nun schieße ich mit der evo 10 E. Wie es dazu kam, beschreibe ich im folgenden Praxistest. Auf die genauen Änderungen bzw. Evolutionen (um beim Namen der evo 10 zu bleiben) in Bezug zur LP 10 und die genauen technischen Details, welche durch Marketingbegriffe abgerundet werden, gehe ich nicht näher ein. Dazu kann die Website von STEYR oder aber der Prospekt der evo 10 zu Rate gezogen werden. Im Gegensatz zu einem Autotest kann man bei Waffen schlecht PS, Hubraum oder Reichweite vergleichen. Natürlich haben verschiedene Waffen verschiedene Leistungsmerkmale und man könnte bspw. die Mündungsgeschwindigkeit der Munition vergleichen (wobei es hier dann auch wieder auf die verwendete Munition ankommt). Das Gefühl, mit einer Waffe zu schießen, ist nur subjektiv zu beschreiben und ich kenne Schützen, die mit einem Seitenspanner besser schießen als mit der neuesten Luftpistolengeneration. Deshalb soll dieser Praxistest nicht die technischen Daten der Waffe wiederholen, sondern vor allem versuchen, das Gefühl der Waffe zu vermitteln – etwa so, wie ein Fahrbericht eines Automagazins. Ich beziehe mich dabei vor allem auf meine Erfahrungen mit mechanischen Abzügen mehrerer Luftpistolen, mit denen ich bisher geschossen habe. Vor allem vergleiche ich die Waffe jedoch mit der LP 10.

Ich gehöre eher zu den „nervösen“ Schützen und je länger man schießt, desto besser kennt man sein eigenes Abzugsverhalten und kann Schüsse relativ gut einschätzen, bevor man sich den Treffer auf der Scheibe anschaut. Mit der LP 10 kann ich bei 8 von 10 Schüssen sagen, dass ich beim Abzug sauber gearbeitet habe oder nicht. Bei den zwei verbleibenden Schüssen bin ich mir nicht immer sicher, warum der Schuss nicht sauber war. Entweder war ich unkonzentriert oder aber die Nervosität hat sich auf mein Abzugsverhalten ausgewirkt. Letzteres trifft vermutlich am Ehesten zu. Doch das ist nicht alles. Je länger ich mit der LP 10 geschossen habe, desto mehr habe ich Differenzen beim Druckpunkt gespürt. Mal war dieser „schwerer“ zu lösen, mal „leichter“. Ferner gab es einen Effekt, der schwierig zu beschreiben ist. Ich konnte mit dem Finger spüren, wie Metall auf Metall reibt, als ich den Abzug betätigt habe – und das, obwohl der Abzug kugelgelagert war. Somit war das Gefühl beim Abzug immer ein wenig anders – auch wenn es nur minimal zu spüren war.

Auf einem Bundesligawettkampf gab mir ein Teamkollege seine STEYR LP 10 E. Identisches Modell wie meine, nur mit elektronischem Abzug und ein bisschen älter. Der Unterschied zwischen den beiden Abzügen betrug Welten. Natürlich ist der Eindruck subjektiv geprägt, aber ich spürte das beschriebene Metallreiben nicht und der Druckpunkt und der Weg zu ihm fühlten sich immer gleich und sehr weich an.

Geprägt von dieser Erfahrung stellte mir Schießsport Buinger testweise die neue evo 10 E zur Verfügung. Um eines schon vorweg zu verraten: Ich schieße nie wieder mit mechanischem Abzug.

Doch zunächst zum Lieferumfang. Es wird natürlich die Waffe, eine bzw. zwei Pressluftkartuschen, ein Dosenhalter für die Munition, die Bedienungsanleitung und ein Ladekabel geliefert. Ferner befindet sich das altbekannte Werkzeug, die Laufgewichte sowie der Adapter für die Pressluftflaschen in dem ebenfalls mitgelieferten Koffer. Das Werkzeug gliedert sich dabei in diverse Schraubenzieher, die zum Einstellen der verschiedenen Funktionen benötigt werden. Das Werkzeug, die Laufgewichte und Ersatzdichtringe sind erfreulicherweise wieder in einer kleinen Plastikschachtel untergebracht.

Hält man den Koffer in den Händen und öffnet ihn, muss man sich zwangsläufig Gedanken über die Qualität machen. Zunächst sollte beachtet werden, dass wir von einer Waffe reden, die rund 1.800,00 Euro kostet und deren Hersteller sich damit brüstet, die meisten Olympioniken auszurüsten. Der erste Anblick allerdings enttäuscht! Denn er fällt zwangsläufig auf den Koffer. Ehrlich gesagt war ich von dem Koffer der LP 10 schon nicht begeistert, aber der Koffer der evo 10 ist eine Frechheit! Obwohl er zunächst identisch aussieht wie der Koffer der LP 10 ist er ziemlich minderwertig verarbeitet, die Schaumstofffüllung ist schlecht verklebt und wird mit herausgezogen, wenn man Waffe oder Zubehör entnimmt. Zudem ist der Schaumstoff merklich billiger als der, der noch bei der LP 10 genutzt wurde. Die Scharniere schließen nicht richtig und sind gebogen, wenn diese geschlossen sind. Der Koffer lässt sich auch nicht komplett schließen und ist an den Seitenrändern immer einen Spalt weit offen. Die Scharniere neigen zudem dazu, sich selbständig zu öffnen. Es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis sie abbrechen. Wir sprechen hier zwar nur von dem Koffer und die meisten Schützen werden wohl die Waffe in ihren eigenen, teils selbstgebauten Koffern transportieren. Ich habe es aber lieber klein und kompakt und nutze den Koffer tatsächlich. Doch ich bezweifle, dass der Koffer so lange lebt wie die Waffe.

Hat man die krakeligen Scharniere gelöst, den Koffer geöffnet und es geschafft, die Waffe samt Zubehör ohne Schaumstofffüllung herauszunehmen, sollte eigentlich das Herz in puncto Qualität höher schlagen. Doch auch hier macht sich zunächst Ernüchterung breit. Die evo 10 E hat am Griff eine Aluplatte spendiert bekommen, in welcher sich der An-/Ausschalter, eine Status-LED und der USB-Anschluss befinden. Die Aussparungen der Aluplatte sind jedoch so gefräst, dass sie nicht genau über die jeweiligen Taster bzw. Anschlüsse passen. Es sieht einfach krumm und schief aus. Nun könnte man meinen, dass es sich hier um einen Einzelfall handelt – dem ist jedoch nicht so! Im Prospekt (http://www.steyr-sport.com/images/kataloge/STEYR%20LP_MATCH_2017.pdf) der evo 10 befindet sich auf Seite 7 ein Bild, was ziemlich deutlich zeigt, dass der Taster nicht korrekt in der Aussparung der Aluplatte sitzt. Bei meinem Modell handelt es sich jedoch nicht nur um die Aussparung vom Taster, sondern auch um die von der LED sowie des USB-Anschlusses.

Der nächste Tiefschlag kommt bei der Demontage und anschließenden Montage des Griffs. Der Griff der evo 10 E kann verstellt werden, um so das Kippen der Waffe während des Anhaltens zu kompensieren. Um dieses zu erreichen, müssen Schrauben eingestellt werden, die den Griff in der gewünschten Position halten. Da ich dazu neige, im Laufe des Wettkampfes die Waffe nach rechts bzw. im Uhrzeigersinn zu kippen, habe ich den Griff so eingestellt, dass dieses Kippen im Prinzip unterbunden wird. Als ich jedoch den Griff anschraubte, hatte ich Angst, dass dieser auf Grund der Spannung reißt. Es knartschte in einer Tour, obwohl die Schraube, die den Griff hält, noch nicht festgezogen war. Wenn ich die Waffe nun fest im Griff habe und mit der anderen Hand den Lauf umfasse, um die Waffe besser in der Hand zu positionieren, so ist ein knartschen im Griff deutlich zu spüren. Ich denke dieses rührt daher, dass ich die Girffschraube nicht vollständig fest angezogen habe. Der Griff bewegt sich zwar nicht und bleibt auch in seiner Position, es fühlt sich jedoch zunächst komisch und ungewohnt an, wenn der Griff knackt.

Im alltäglichen Betrieb sind diese Mängel, bis auf den Koffer (!), nicht unbedingt zu spüren und beeinträchtigen in keinster Weise die Funktion der Waffe. Dennoch bin ich der Meinung, dass bei dem Renommee von STEYR und dem aufgerufenen Preis die beschrieben Mängel nicht auftreten dürfen. Insbesondere der Koffer bedarf zwingend einer Überarbeitung. Alles Weitere ist erfreulicherweise so, wie es sein muss. Sauber verarbeitet, schön anzusehen.

Während der elektronische Abzug der LP 10 E noch Batterien benötigte, setzt die evo 10 E auf einen eingebauten Akku, der mittels USB-Kabel geladen werden kann. Laut STEYR soll eine Ladung für 10.000 Schüsse ausreichend sein. Ob dieses zutrifft, kann ich nicht sagen. Ich musste die Waffe in einem Testzeitraum von einem halben Jahr jedoch nicht wieder aufladen, sodass mir diese Angabe als durchaus realistisch erscheint.

Um die Waffe nutzen zu können, muss man zunächst den Abzug mittels des Tasters am Griff einschalten. Es leuchtet dann eine grüne LED für einige Sekunden auf, um die Bereitschaft zu signalisieren. Schaltet man die Waffe wieder aus, leuchtet die LED kurz rot auf. Dieses rote Leuchten soll auch als Indikator dafür dienen, wenn der Akku schwach ist. Ich selber habe es noch nicht gesehen, aber wenn die LED während des Schießens rot blinkt, können noch maximal 300 Schuss abgegeben werden. Vergisst man, die Waffe nach dem Schießen abzuschalten (was durchaus vorkommt, wenn man es nicht gewohnt ist), schaltet sie sich nach 30 Minuten automatisch ab.

Zugegeben, es ist zunächst ein komisches Gefühl, seine Waffe anschalten zu müssen. Und ein etwas unsicheres Gefühl, dass eventuell doch der Akku leer sein könnte oder sich ein Schuss nicht löst, ist bei mir auch noch nicht vollends abgeklungen. Dafür habe ich einfach zu lange mit mechanischem Abzug geschossen.

Als ich noch mit der alten LP 10 schoss, hörte ich einige Stimmen immer wieder behaupten, dass elektronische Abzüge um ein vielfaches besser seien. Wie viel besser diese nun sind, kann jedoch kein objektiver Praxistest wirklich aussagen. Wie jeder andere Schütze vermutlich auch, bin ich Trainingsweltmeister. Vom reinen Ergebnis her war ich anfangs mit der evo 10 E nicht wirklich besser als im Vergleich mit der LP 10. Das Schießen selber fühlt sich mit der evo 10 E jedoch einfach besser an. Der Abzug ist butterweich und die Tatsache, dass man den Griff verstellen kann, um das Kippen der Waffe zu kompensieren, gefällt mir sehr gut. Natürlich gibt es noch etliche weitere Einstellungsmöglichkeiten, die ich aber nicht unbedingt nutze und deshalb auch nicht beschreiben bzw. vergleichen kann. Grundsätzlich kann jedoch von der Visierung über den Griff bis hin zum Abzugsweg und –gewicht alles eingestellt werden. Im Vergleich zur LP 10 bietet die evo 10 somit mehr Möglichkeiten, die Waffe an den Schützen individuell anzupassen. Der Griff selbst wurde ebenfalls ein wenig überarbeitet. Da ich jahrelang den alten Griff der LP 10 gewohnt war, kann ich mich noch nicht zu 100% damit anfreunden. In meine Hand passt er jedoch sehr gut – auch ohne Gips und sonstige Anpassungen. Ansonsten ist die evo 10 vom Handling her identisch mit der LP 10. Die Waffe ist nach wie vor ein wenig kopflastig und trotz des neuen Kompensators springt die Waffe ab und zu bei der Schussabgabe ganz leicht nach oben. Das hatte mich aber bei der LP 10 schon nicht gestört, da es (bei mir) keine Auswirkungen auf das Schussbild hat.

Wie erwähnt, ist im normalen Trainingsbetrieb kein unbedingter Leistungsunterschied feststellbar. Grundsätzlich fühlt sich das Schießen mit der evo 10 E besser an, aber rechtfertigt das einen Umstieg?

Ich hatte die neue Waffe noch keine Woche zum Testen, als ein Bundesligawettkampf anstand. Wer jetzt glaubt, dass ich diesen mit der alten LP 10 geschossen habe, der irrt. Ich dachte mir, dass ich die Waffe doch gleich unter richtigen Bedingungen testen sollte, um einen konkreten Vergleich zu haben. Halbwegs auf mich eingestellt und eingeschossen war sie ja bereits. Da ich in Wettkämpfen eher nervös bin und sich dieses sofort auf die Waffe und bei mir auch auf mein Abzugsverhalten auswirkt, hatte ich nach dem Wettkampf den Vergleich zwischen LP 10 mit mechanischem Abzug und der evo 10 E mit elektronischem Abzug – sowohl vom Gefühl her als auch vom Ergebnis. Und der Ergebnisunterschied betrug in Bezug zum meinem Saisondurchschnitt etwa 6-8 Ringe. Positiv! Vielleicht hatte ich da auch nur einen guten Tag erwischt, aber ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass der Abzug nicht das gemacht hat, was ich wollte. Dieses Bild bestätigte sich auch in folgenden Wettkämpfen und langsam pendelten sich auch die Trainingsergebnisse ein. Wie gesagt, bin ich Trainingsweltmeister. So schlecht der Tag beim Training auch war, das Ergebnis war mit der evo 10 E immer top. Es gab so gut wie keine Ausreißer. Bei der LP 10 gab es immer mindestens einen Ausreißer pro Trainingsserie, den ich nicht erklären konnte.

Natürlich war ich im Laufe des Tests nicht immer gut. Bei einer Bezirksmeisterschaft bspw. schoss ich unterirdisch. Dieses hatte jedoch andere Gründe und ich bin mir sicher, dass ich noch viel schlechter geschossen hätte, wenn ich mit der LP 10 angetreten wäre. Sieht man vom Abzug einmal ab, konnte ich durch den neuen Griff auch das Kippen der Waffe reduzieren.

Diese Eindrücke sind natürlich sehr subjektiv geprägt, aber ich habe für mich festgestellt, dass ich nie wieder zu einem mechanischen Abzug greifen werde.

Wer leistungsorientiert schießen will, kommt in Zukunft vermutlich nicht mehr an einem elektronischen Abzug vorbei. Ob es nun STEYR sein muss, sei einmal dahingestellt. Ich denke aber, dass es einen Grund gibt, warum die meisten Weltklasse-Schützen auf den österreichischen Hersteller vertrauen. Vermutlich stellen sich viele Schützen bei einer Neuanschaffung die Frage, ob rund 300,00 Euro Aufpreis für den elektronischen Abzug einen Mehrwert bringen. Ich denke langfristig ja und kann nur empfehlen, den Aufpreis in Kauf zu nehmen.

Ich persönlich stand der Elektronik von Anfang an skeptisch gegenüber und vertraue ihr auch heute noch nicht zu 100%, aber die Leistungssteigerung, die ich im Wettkampf erfahren habe, ist schon sehr deutlich. Der Abzug der evo 10 E und das damit einhergehende Gefühl beim Schießen ist ein Traum. Hat man einmal mit der Waffe geschossen, will man sie nicht wieder hergeben – trotz einiger (optischer) qualitativer Mängel.